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Word is Out: Stories of Some of Our Lives

Länge:
132 min.
Herstellungsjahr:
1977
Land:
USA
Regie:
Produktionsfirma:
Mariposa Film Group
Berlinale Sektion:
Forum
Berlinale Kategorie:
Dokumentarfilm

WORD IS OUT: STORIES OF SOME OF OUR LIVES (1977) ist ein Mosaik aus Interviews mit 26 schwulen und lesbischen Persönlichkeiten, die ihre Erfahrungen des Coming Out, des Sich-Verliebens und Trennens, des persönlichen Kampfes gegen Vorurteile und gegen rechtliche Diskriminierungen beschreiben. Die Interviewten sind zwischen 18 und 77 Jahre alt, sie besetzen das ganze Spektrum zwischen Hausfrau und Drag-Queen. Zusammen erschaffen sie mit ihren intelligenten, charmanten, ehrlichen und überzeugenden Selbstaussagen ein Werk der Oral History, das absolut einnehmend und tief bewegend ist. Als erster abendfüllender, von schwulen Filmemachern gedrehter Dokumentarfilm zum Thema lesbischer und schwuler Identität, hat der Film, als er 1978 in die Kinos und danach ins Fernsehen kam, das US-amerikanische Publikum schockiert. Der Film schlug ein wie eine Bombe und wurde ein Symbol des beginnenden Gay Rights Movements der 1970er Jahre.

Im Dezember 1977, ein Jahr bevor Harvey Milk erschossen wurde, hatte WORD IS OUT in San Francisco Premiere. 26 Schwule und Lesben erzählen von ihren Erfahrungen, von Diskriminierung und gesellschaftlicher Unterdrückung, aber auch von der Freiheit und der Fähigkeit zu lieben. Zum ersten Mal setzte ein Film dem vorherrschenden Bild von Homosexualität ein Selbstbild entgegen, das (nicht nur) für das schwule und lesbische Publikum zu einem wichtigen Signal wurde. Aus den individuellen Geschichten entsteht durch die mosaikartige Montage ein vielstimmiges kollektives "Wir" bereits zu einem Zeitpunkt, als die identitätspolitischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts erst im Aufbruch waren. Auch für die Entstehung des Films hat die Idee des Kollektivs eine wichtige Rolle gespielt. Unter dem Namen Mariposa Film Group hatten sechs teils völlig unerfahrene Filmemacher und Filmemacherinnen fünf Jahre lang Interviews geführt, die dann in einem mühevollen gemeinsamen Prozess ausgewertet, diskutiert und schließlich montiert wurden. Die Aufrichtigkeit, der Humor und der Mut der Protagonisten ebenso wie das soziale und ästhetische Engagement der Filmemacher machen WORD IS OUT auch nach mehr als 30 Jahren noch zu einem berührenden und sehenswerten Film.
Anna Hoffmann

engl. Trailer zum 30jährigen Jubiläum des Films auf YouTube ansehen

Die Anfänge der Lesben- und Schwulenbewegung

1977 lief WORD IS OUT erstmals in den USA im Kino (und später im Fernsehen) gezeigt – der erste abendfüllende Dokumentarfilm, der sich mit dem Thema Homosexualität beschäftigte. Der von homosexuellen Filmemachern produzierte Film wurde zu einem Meilenstein der in den 1970er
Jahren entstehenden Bürgerrechtsbewegung der Homosexuellen. Tausende Zuschauer schrieben begeistert an die Postfachnummer der Mariposa Film Group, die am Ende des Abspanns stand – viele sagten, dass der Film ihnen das Leben gerettet hätte. Nun wurde vor Kurzem im Rahmen
des UCLAs Outfest Legacy Projects eine 35mm-Kopie von WORD IS OUT angefertigt, mit der dieser Film nun einer neuen Generation zugänglich gemacht wird. Der Film ist reif für eine Wiederentdeckung: ein Protokoll der vergangenen Kämpfe und ein Anlass, über den langen Weg nachzudenken, den wir zurückgelegt haben. Nicht zuletzt ist er ein Meisterwerk des Dokumentarfilmgenres.
WORD IS OUT zeigt mosaikartig zusammengesetzte Interviews mit 26 schwulen und lesbischen Personen, die ihre Erfahrungen mit dem eigenen Coming-out, der Liebe und dem Verlust der Liebe sowie den Kampf gegen Vorurteile und diskriminierende Gesetze schildern. Die Interviewten sind zwischen 18 und 77 Jahre alt; zu ihnen gehören die Hausfrau mit der toupierten Hochfrisur und die temperamentvolle Drag-Queen, die Dichterin Elsa Gidlow, die Politaktivistin Sally Gearhart, der Erfinder John Burnside, der Bürgerrechtsaktivist Harry Hay und der Avantgarde-Filmemacher Nathaniel Dorsky. Sie alle äußern sich außergewöhnlich intelligent, offen, sympathisch und überzeugend, und lassen so ein Stück Oral History entstehen, das zugleich ungemein einnehmend und tief bewegend ist. 30 Jahre nach seiner Fertigstellung ist dieser Film ein Dokument der Erfahrungen, die die Mitglieder der schwul-lesbischen Bewegung in den USA damals gemacht haben. WORD IS OUT hat bis heute nichts von seiner Relevanz eingebüßt.
Den besonderen Fähigkeiten der Dokumentarfilmmacher der Mariposa Film Group ist dieser Film zu verdanken, der zeigt, wie viel Kraft ein ungeschminktes, rein persönliches Zeitzeugnis haben kann; humorvoll, couragiert und manchmal unter Tränen wird hier die Wahrheit erzählt.

Die einzige Lösung sind Geschichten

Ich möchte über unsere Arbeitsweise berichten. Damals, in den 1970er Jahren, bestand das größte Problem der entstehenden Homosexuellen-Bewegung darin, dass wir gewissermaßen unsichtbar waren. Homosexualität war ein Begriff, der überwiegend von Heterosexuellen definiert wurde. Es war schlimm genug, dass das Bild von schwulen Männern und lesbischen Frauen in der Öffentlichkeit weitgehend von Stereotypen bestimmt war – schließlich möchte ich doch, dass andere Menschen eine adäquate Vorstellung davon haben, wer ich bin. Stattdessen bestimmten jene stereotypen Bilder, die zum größten Teil von außen an uns herangetragen wurden, auch unsere eigenen Vorstellungen von unserer Identität. Ein Unding! Bei der Suche nach der eigenen Identität konnte man sich als Homosexueller auf ein paar anstößige Fotos beziehen, und wenn man Glück hatte, auf einen Kreis homosexueller Freunde.
Als WORD IS OUT 1977 fertig war, lieferte dieser Film, oberflächlich betrachtet, eine recht simple Antwort auf die einfache Frage: Wer sind wir? Zur Vorbereitung des Films führten ich sowie fünf andere Mitarbeiter des Projekts ein Jahr lang Interviews mit der Videokamera zu den Lebensumständen von 250 homosexuellen Frauen und Männern im ganzen Land.
Anschließend wählten wir 26 Personen aus, die ihre Geschichte im Film erzählen sollten. WORD IS OUT wurde unzählige Male in Kinos und im Fernsehen auf der ganzen Welt gezeigt. In aller Bescheidenheit kann ich sagen, dass er einen enormen Einfluss auf das Leben der Zuschauer hatte. Wir bekamen Tausende von Dankesbriefen. Selbst heuten erzählen mir viele Homosexuelle – vor allem ältere Leute –, wie dieser Film ihr Leben verändert hat, wenn sie erfahren, dass ich daran mitgewirkt habe.
Ich brauche nicht zu erwähnen, wie befriedigend das ist. Außerdem ist es ein Beweis dafür, dass Kunst wirkliche Veränderungen bewirken kann. Aber ist WORD IS OUT Kunst oder nur engagierter Filmjournalismus, ein Agitprop-Film? Ich bin davon überzeugt, dass es sich um Kunst handelt – jedenfalls was die für damalige Verhältnisse radikale Ästhetik des Films angeht, die seither zigfach kopiert wurde. Diese Ästhetik ergab sich aus den Inhalten, um die es ging, und genau so entsteht Kunst – jedenfalls im Film.
Es war eine absurde Idee, eine ganze Bevölkerungsgruppe in einem einzigen Film beschreiben zu wollen, gewissermaßen ein kollektives Porträt zu zeichnen. Aber was blieb uns anderes übrig, da doch unsere Zielgruppe so ausgehungert war nach einer genauen Beschreibung ihrer Lebensumstände? Wir wollten wenigstens versuchen, die Vielfalt, die wir draußen vorfanden, zu erfassen. Und deshalb mussten wir so viele Menschen porträtieren.
Die zweite Vorgabe für den Film bestand darin, dass die einzelnen Porträts eine Dramaturgie haben sollten. Damit meine ich, dass sie eine Geschichte erzählen sollten. Niemand will sich länger als ein paar Minuten Szenen wie „Mary bei der Arbeit“ ansehen. „Das sind Mary und ihr Pferd.“ „Das ist Marys Geliebte.“ „Das ist Mary mit ihrem Fotoalbum, das zeigt, wie sie aufgewachsen ist.“ „Das ist Mary, die sich mit ihren lesbischen Freundinnen unterhält.“ Sie verstehen schon – langweilig; und besonders, wenn es dann weitergeht mit: „Das ist Juan. Das ist Juan als Junge. Das ist Juans Wohnung usw.“
Die einzige Lösung sind Geschichten: „Das ist Mary als Mädchen. Dies ist ein Foto von Mary auf ihrer Geburtstagsparty, als sie drei Jahre alt wurde und sich weigerte, das rosa Kleid mit den Rüschen zu tragen. Das ist Mary mit 14, als sie mit ihrer besten Freundin Henrietta, die sie Hank nannte, von zu Hause ausriss.“ So erzählten wir Geschichten, 26, um genau zu sein.

Parallele Erzählweisen
Unser nächstes Problem bestand darin, dass man, egal, wie unwiderstehlich diese Geschichten auch waren, nicht mehr als ein paar von ihnen linear, eine nach der anderen, erzählen konnte. Man kommt vielleicht mit „Das ist Marys Geschichte“, „Das ist Juans Geschichte“ und „Das ist Louises Geschichte“ durch, aber dann reicht es auch. Gut, man kann vielleicht auch noch „Bobs Geschichte“ erzählen, aber dann ist es wirklich genug. Also mussten wir einen Weg finden, diese verschiedenen Geschichten simultan, parallel zueinander zu erzählen. Drei Mitarbeiter unseres Kollektivs arbeiteten zwei Jahre lang an einer Lösung. Entweder waren wir nicht besonders intelligent, oder das Problem war zu komplex. Wir schnitten 22 kurze Filme, um sicherzugehen, dass die Geschichten in sich stimmig waren, dass sie eine Dramaturgie besaßen und die jeweilige Person realistisch wiedergaben. Anschließend haben wir diese Filme ineinander verschachtelt.
Das ist Mary in der dritten Klasse, wie sie sich mit den Jungen anlegt. Das ist Juan, der sein Studium am Priesterseminar beginnt. Zurück zu Mary, die dafür bestraft wird, dass sie die Jungen verprügelt hat. Das ist Juan, der sich in einen Priester verliebt. Das ist Mary beim Women’s Army Corps. Und zurück zu Juan, der mit dem Priester nach San Francisco ausreißt. Sie verstehen schon, was ich meine – und dies sind nur zwei Geschichten. Wir haben sehr viel mehr parallel erzählt. Diese Montagetechnik, die parallele Erzählung mehrerer Handlungsstränge, wird heute sehr oft angewendet; aber ich glaube, wir haben sie erfunden.
Der Film hat als Kunstwerk ebenso funktioniert wie als ein Stück gesellschaftlichen Handelns. Trotz unserer guten Absichten wäre Letzteres nicht möglich gewesen, wenn wir daraus nicht einen fesselnden Film gemacht hätten – eben Kunst.
Peter Adair, in: Artlink, 2. Oktober 1993

Geschichte eines Kollektivs, das keins sein wollte

WORD IS OUT wurde von sechs Leuten realisiert: Peter Adair, Veronica Selver, Andrew Brown, Lucy Massie Phenix, Nancy Adair und mir. Der Name unseres Kollektivs, den wir uns in erster Linie für den Abspann unserer Filme ausgedacht hatten, war „Mariposa Film Group“.
Zuallererst sollte ich erwähnen, dass wir das Wort „Kollektiv“ vermieden, weil wir nie sicher waren, ob wir wirklich eines waren. Heute, im Rückblick, sind wir uns doch darüber einig, dass wir kollektiv gearbeitet haben. Trotz meiner eher unkollektiven Einstellung möchte ich versuchen zu zeigen, wie und warum diese Gruppe entstanden ist und warum sie letztlich erfolgreich war.
Wir alle hatten einen ganz unterschiedlichen Hintergrund, was unsere Erfahrung mit Film anging ebenso wie unser Selbstverständnis als Homosexuelle. Der Film war Peters Idee; er hatte erkannt, wie notwendig das Projekt war, und entwarf die Grundstruktur des Films. Peter verfügte damals über eine zwölfjährige Erfahrung als unabhängiger Filmemacher und Produzent für öffentliche Fernsehanstalten. Nancy hatte zu jenem Zeitpunkt noch nicht in diesem Berufsfeld gearbeitet (damals fuhr sie Taxi); gemeinsam mit ihrem Bruder interviewte sie lesbische Frauen für eine Materialkompilation, mit der Spenden gesammelt werden sollten. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Arbeitsverhältnis das von Produzent / Regisseur und Koproduzentin.
Nachdem eine Reihe von Leuten, die die Idee der Filmemacher unterstützten, das Startkapital in Höhe von 30.000 Dollar aufgebracht hatten, begann der eigentliche Produktionsprozess. Peter und Nancy fragten Peters langjährige Freundin Veronica, ob sie an einer Mitarbeit interessiert wäre. Sie glaubten, dass Veronica, die gerade ONE FLEW OVER THE CUCKOO'S NEST - EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST geschnitten hatte, das Projekt in politischer und filmischer Hinsicht bereichern würde.

Überdurchschnittliches Engagement
Außerdem wurde beschlossen, einen Produktionsassistenten einzustellen. Andrew und ich bewarben uns beide für diese Position, die in einer Lokalzeitung ausgeschrieben war. Die Annonce lautete: „Wir suchen eine nicht sexistische Person für die Mitarbeit an einem Dokumentarfilm über die Lebensbedingungen von Homosexuellen. Erfahrung ist nicht nötig, überdurchschnittliches Engagement und eine kooperative Arbeitseinstellung genügen.“
Weder Andrew noch ich hatten nennenswerte Erfahrung im Filmbereich. Andrew hatte als Lehrer gearbeitet, und ich hatte mich gerade an der San Francisco State University eingeschrieben. Andrew erhielt den Posten des bezahlten Produktionsassistenten, während man mir eine ehrenamtliche Mitarbeit am Projekt anbot.
In der ersten Projektphase blieben die Rollen des Teams erhalten wie vorgesehen, abgesehen vielleicht von Veronica. Peter, Nancy und Veronica wechselten sich zunächst beim Interviewen und Kameraführen ab, aber mit der Zeit führte Veronica, die ursprünglich für den Ton verantwortlich war, mehr und mehr Interviews. Andrew war der Produktionsassistent. Peter, der wegen seiner Erfahrung als Filmemacher die gesamte Technik überwachte, war auch für die Beleuchtung zuständig. Während der letzten beiden Interviews war ich das Mädchen für alles und begann anschließend im Schneideraum mit der Synchronisierung des Filmmaterials.

Keine Hierarchien
Von Anfang an gab es keinerlei hierarchische Strukturen oder willkürliche Entscheidungen über unsere Arbeitsweise. Das war in erster Linie Peters Offenheit und seinem Talent zu verdanken, jeden einzelnen Mitarbeiter in das Team zu integrieren. Außerdem spielte es sicherlich eine Rolle, dass wir alle homosexuell waren und an einem Projekt arbeiteten, das uns sehr nah war.
Nachdem die ersten acht Personen interviewt worden waren, sahen wir uns das Material gemeinsam an. Diese Vorführung dauerte zwischen 15 und 20 Stunden. Anschließend bekam jedes Gruppenmitglied eine schriftliche Aufzeichnung der einzelnen Interviews, und jeder schrieb seine Anmerkungen dazu an den Rand. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine wirklichen Gruppendiskussionen, abgesehen von unserer gemeinsamen Begeisterung über die geglückten Momente in den Interviews. Aber jeder Einzelne sammelte auf diese Weise seine persönlichen Eindrücke von dem Material und entwickelte ein eigenes Verhältnis dazu. Weil wir mit den Interviewtexten arbeiteten, konnte jeder von uns etwas zu dem Film beitragen. Es war uns klar, dass es nicht genügen würde, die Perspektive eines Einzelnen im Film zu verarbeiten. Es entwickelte sich eine Art Gruppendynamik, nicht nur im Hinblick auf unser Verhältnis zueinander, sondern auch zum Filmmaterial.
Auf der Grundlage unserer Vorschläge schnitt Peter eine Drei-Stunden- Fassung des Films, die wir einem überwiegend homosexuellen Publikum zeigten, um erste Reaktionen und weitere finanzielle Unterstützung zu bekommen (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge). Es wurde uns klar, dass das Publikum den Film als eine grundsätzliche Aussage über homosexuelles Zusammenleben auffasste. Deshalb beschlossen wir, den Umfang des Projekts über die bisher gefilmten acht Personen hinaus zu erweitern.

Das Publikum arbeitet mit
Die Vorführungen in der Homosexuellenszene wurden vielfach kommentiert. Diese Form der Mitbestimmung durch das Publikum war entscheidend für die Endfassung von WORD IS OUT, und das Projekt sprengte schnell den ursprünglich von Peter geplanten Rahmen. Die Reaktionen des Publikums wirkten sich auf unsere künftige Arbeitsweise aus. Jeder von uns hatte unterschiedliche Gründe, warum er das Projekt erweitern wollte (so wie auch die Zuschauer). Es wurde offensichtlich, dass eine Gruppe mit unterschiedlichen Meinungen und Ansichten ein weitaus breiteres homosexuelles Publikum erreichen würde als eine Gruppe, die unter hierarchischen Bedingungen arbeitete und lediglich die Botschaft eines Regisseurs vermitteln würde.
Wir einigten uns darauf, 16 weitere Personen für den Film zu interviewen, und bestimmten, wer wen interviewen sollte. Als wir dann zu den Interviews kamen, wurde der Interviewer mehr oder weniger auch der Regisseur der Episode (gewisse Leitlinien waren allerdings gesetzt), er oder sie war also verantwortlich für den Inhalt dieses Teils. Normalerweise arbeiteten wir zu dritt, und unsere Funktionen wechselten von Interview zu Interview. Peter vermittelte denjenigen von uns, die keine oder nur wenig Erfahrung mit der technischen Ausrüstung hatten, das entsprechende Basiswissen. Für die meisten Sequenzen genügte das. (…)

Rollentausch
Als es an den Schnitt des Films ging, mussten wir unsere Aufgabenverteilung überdenken. Die sehr spezifische Vorgehensweise bei der Montage lässt sich – im Gegensatz zu den Dreharbeiten – schwer mit dem Arbeitsansatz eines Kollektivs vereinbaren. Schließlich waren Veronica, Lucy und Peter (die auch produzierten) für die tägliche Schnittarbeit verantwortlich, während ich selbst eher im Hintergrund arbeitete. Nancy und Andrew halfen auf eigenen Wunsch nur wenig bei der täglichen Arbeit im Schneideraum. Andrew transferierte den Ton und produzierte die Musik für die Interviews der homosexuellen Männer. Nancy arbeitete zusammen mit ihrer Mutter Casey an dem Begleitbuch zum Film.
Wir organisierten Vorführungen für das ganze Kollektiv, so dass Andrew und Nancy die vorgeschlagenen Kürzungen kommentieren und Änderungen vorschlagen konnten, die ihnen wichtig erschienen. Auf diese Weise war jeder von uns an den Entscheidungen für die Endfassung beteiligt. Gegen Ende der Schneidearbeiten betrachtete ich mich jedoch als Schnittassistent unterfordert. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich gerade umspulte, während am anderen Ende des Schneidetischs Lucy und Veronica hitzige und kreative Diskussionen führten. Ich fühlte mich ausgeschlossen. In rationaleren Momenten war mir klar, dass diese Vorgehensweise richtig war, da ich keine Erfahrung mit Schnitt hatte. Einer von uns musste die Assistentenrolle übernehmen, und es war nur logisch, dass ich das war, zumal ich später Schnittmeister werden wollte. Dies alles wäre in einer normalen Arbeitssituation kein Problem gewesen, in der die Hierarchie einfach akzeptiert wird.
Wir aber arbeiteten unter anderen Bedingungen. Es ist vielleicht ein notwendiger Widerspruch bei der Kollektivarbeit, dass in gewissen Situationen (Dreharbeiten, Kritik der Rohschnitte) alle gleichgestellt sind, während andere Arbeitsvorgänge dies nicht zulassen (die anderen am Schneidetisch, ich spulte um).

Die Kerngruppe
Ab einem bestimmten Punkt wurde es nötig, eine vierte Person im Schneideraum hinzuziehen. Ich glaubte, dass ich inzwischen imstande war, kürzere Sequenzen zu montieren. (Außerdem hatte unsere Volontärin Amanda Hemming die Arbeit einer Schnittassistentin übernommen.) Man kann
die folgende Entwicklung in drei Schritten zusammenfassen: Erstens: Ich wurde offensiver, oder, um es im Jargon von heute auszudrücken: Ich setzte meine Bedürfnisse durch. Dies war vor allem möglich, weil zweitens: absolute Offenheit in der Gruppe herrschte. Dadurch war es möglich, auch
Forderungen zu stellen; es herrschte ein gleichberechtigtes Geben und Nehmen. Drittens war das Projekt so ungeheuer gewachsen, dass es diese Art der persönlichen Reifung nicht nur erlaubte, sondern geradezu erforderte. Wir gaben diesem Entwicklungsprozess viel Raum. (...)
Während der Filmarbeiten bekam jeder von uns 100 Dollar pro Woche, abgesehen vom Administrator, der/die jeweils 25 Dollar extra erhielt, weil diese Arbeit so unkreativ war. Ebenfalls zu Beginn der Postproduktion legten wir fest, dass der/die Administrator/in sowie andere Mitarbeiter,
die in dieser Phase für uns zu arbeiten begannen, nicht zur Kerngruppe gehörten. Obwohl Kathy Glazer, die Administratorin, Amanda Hawing als Assistentin bei der Montage und Tracy Gary, die die Finanzierung des Projekts durch Spendenaktionen sicherte, einen großen Anteil an der Produktion
von WORD IS OUT hatten, trafen wir zu diesem Zeitpunkt bewusst die Entscheidung, dass zum Kern des Kollektivs nur die Personen gehörten, die den gesamten Produktionsprozess mitgestaltet hatten. (…)
Obwohl wir ganz bewusst als Kollektiv arbeiteten, stand jeder von uns dieser Situation mit ambivalenten Gefühlen gegenüber. Das hatte damit zu tun, dass wir keine konkrete Definition für den kollektiven Prozess finden konnten; wir konnten uns niemals auf eine endgültige Definition einigen,
weil die Umstände unserer Zusammenarbeit sich permanent veränderten. Wir versuchten eine Arbeitsstruktur zu bilden, in der jeder sich ermutigt sah, sein Bestes zu geben. Dafür musste jeder von uns gleichberechtigte Kritik üben können. Wir waren in der Lage zusammenzuarbeiten, weil wir
von Anfang an eine gemeinsame Vision von diesem Film hatten. Nur an den Tiefpunkten unserer Zusammenarbeit, unter extremen Spannungen, standen wir dem Projekt kritisch gegenüber, was die Arbeit dann für eine gewisse Zeit überschattete. Wir alle waren fähig, zugleich zu kämpfen, zu hassen, zu streiten und zu lieben, und in diesem Prozess wuchsen wir zu Persönlichkeiten heran. Und wir brachten diesen Film zustande.
Hinterher wurde uns klar, das wir einen Namen für unser Kollektiv finden mussten, und wir einigten uns auf „Mariposa Film Group“. Nach der Premiere des Films fragte ein Journalist: „Wann wurdet ihr ein Kollektiv?“, und die Antwort war: „Im Nachhinein.“
Rob Epstein, Juni 1979; abgedruckt in: Jump Cut, Nr. 24 / 25, März 1981

FILMOGRAFIE Nancy Adair (Auswahl)

1977 Word is Out: Stories of Some of Our Lives 

FILMOGRAFIE Veronica Selver (Auswahl)

1977 Word is Out: Stories of Some of Our Lives 

FILMOGRAFIE Peter Adair (Auswahl)

1977 Word is Out: Stories of Some of Our Lives 

FILMOGRAFIE Rob (Robert) Epstein (Auswahl)

2010 Howl  1999 Paragraph 175  1995 The Celluloid Closet  1984 The Times of Harvey Milk  1977 Word is Out: Stories of Some of Our Lives 

FILMOGRAFIE Andrew Brown (Auswahl)

1977 Word is Out: Stories of Some of Our Lives 

FILMOGRAFIE Lucy Massie Phenix (Auswahl)

1977 Word is Out: Stories of Some of Our Lives 

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