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Swans

Länge:
126 min.
Herstellungsjahr:
2011
Land:
Deutschland, Portugal
Regie:
Darsteller/Mitwirkende:
Kai Hillebrandt
Ralph Herforth
Maria Schuster
Vasupol Siriviriyapoon
Produktionsfirma:
Flying Moon Filmproduktion, Berlin
Berlinale Sektion:
Forum
Berlinale Kategorie:
Spielfilm

Ein Vater und sein halbwüchsiger Sohn kommen nach Berlin. Der Junge hat seine Mutter, die jetzt im Krankenhaus im Koma liegt, niemals zuvor gesehen, und der Vater sieht sich mit einer ungeklärten Vergangenheit konfrontiert. Die fremde, winterlich graue Stadt und die bedrohlich wirkende Klinik verunsichern beide, und auch die Wohnung der Mutter, in der der Junge mit seinem Vater unterkommt, ist bedrückend. Aber es gibt dort eine ebenso geheimnisvolle wie attraktive Mitbewohnerin, die Freundin der Mutter. Während der Vater auf Heilung hofft, geht der Junge auf Streifzüge in die Stadt. Eine aufgeladene Atmosphäre entsteht zwischen Distanz und Verlangen, zwischen Berührungsangst und Todesnähe, zwischen Langeweile und wilden Skateboard-Fahrten: Ein ungewöhnlicher Blick auf Berlin, eine packende Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Älterwerden, eine faszinierende Reise zu den vielfältigen Formen des Begehrens und der Liebe.

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Ein Mann reist nach Berlin, weil seine Ex-Freundin im Koma liegt. Er hat den gemeinsamen Sohn Manuel mitgebracht. Die beiden kommen in der Wohnung der Kranken unter. Während sein Vater häufig Besuche in der Klinik macht, fühlt sich Manuel dort fehl am Platz. Er geht lieber mit seinem Skateboard auf Streifzüge durch die winterliche Stadt.
Es ist ein regloser, stummer Körper, der als Zentrum des Films fungiert: der Körper einer Frau im Koma. Ein Körper zwischen Leben und Tod, der Unbehagen und Unsicherheit verursacht, beim Vater und beim Sohn. Auch sie funktionieren primär als Körper: Körper (fast) ohne Sprache, die es nicht vermögen, sich zueinander in Beziehung zu setzen. Der Sohn ist mit den libidinösen Turbulenzen des Erwachsenwerdens beschäftigt, der Vater hat altersbedingte körperliche Malaisen. Also: Skaten, Onanieren und lauter Berlin-Rap einerseits, sanfte Entspannungstechniken und Sport im TV andererseits. Und dann ist da noch der Körper der Mitbewohnerin Kim, der Manuels sexuelles Begehren weckt und deren Utensilien ihm als Fetische dienen. Ein somatischer Film. Anders gesagt: Eine virtuos inszenierte Konfrontation vielfältiger Körper-Bilder mit einem Klima emotionaler Distanz und der Kälte der Stadt.
Birgit Kohler

Körpergeheimnisse

SWANS habe ich in meinem ersten Jahr in Berlin geschrieben und er ist unauflöslich mit dieser Stadt verbunden. Unter den vielen Themen, die mein Film streift, möchte ich eines hervorheben, das wahrscheinlich den Ausschlag für mich gab, ihn zu schreiben. Es hängt zusammen mit einer persönlichen Erfahrung, einer entfernten Erinnerung, die plötzlich zu dieser Zeit wieder auftauchte, ausgelöst vielleicht durch einen langen und einsamen Winter.
Cristina, eine Freundin von mir, die seit längerem schwer krank war, fiel von einem Tag auf den anderen in ein Koma. Aus den ersten Tagen meiner Besuche erinnere ich mich nur an die Ockerfarben des Krankhauses, an den Geruch der Chemotherapie, an behutsame Ärzte, die Anweisungen zum Gebrauch von Schmerzmitteln herunterhaspelten, vor allem aber an die Stille, die von den regungslosen Körpern ausging. Inmitten dieser trostlosen Umgebung suchte ich, als ich ihr zum ersten Mal gegenübersaß, nach einem vertrauten Moment, nach etwas, in das ich Hoffnungen auf Wiedererkennen setzen konnte. Aber ihre Augen waren abwesend, fixiert auf einen Punkt außerhalb von mir, unerreichbar in ihrer Entrücktheit. Als ich zum ersten Mal die Haut ihres Körpers berührte, erspürte ich weder ihre Temperatur noch ihre Textur. Trotzdem erzeugte diese Berührung eine Vibration zwischen mir und etwas anderem, das ich nicht identifizieren konnte. War das der Tod? Die Ärzte, in ihrer schlagkräftigen wissenschaftlich-technischen Sprache, behaupteten, dass „Koma“ den vollständigen Verlust des Bewusstseins bedeute, dass alle Bewegungen nur Reflexe, keine bewussten Handlungen seien, und dass die Nerven nicht mehr auf externe Stimuli reagierten. Als ich meinen ganzen Mut zusammen nahm und mich dazu entschloss, diesen Körper zu massieren, um die enorme Anspannung der Muskeln etwas zu lösen, geschah das Paradoxe, heftig und unerwartet: dieses „Etwas“, das angeblich tot sein sollte, wirkte äußerst lebendig in meinen Händen. Ich war verwirrt: wohin mit diesem Eindruck? Mir war klar, dass ich lange brauchen würde, um das herauszufinden, dass ich mit etwas völlig Neuem konfrontiert war.
Doch meine Recherche endete abrupt mit ihrem Tod. Trotzdem ließ mich dieses paradoxe Gefühl nicht mehr los. Und ich begriff später, dass meine unaufhörliche Suche nach Erklärungen nicht der richtige Weg war. Ich glaube, dass diese Art von Grenzerfahrungen uns auf uns selbst zurückwirft und dass genau in dieser Bewegung etwas Entscheidendes geschieht. Denn der Tod von Menschen, die uns nahe stehen, ist ein intimer Tod, er berührt uns auf intimste Weise. Und obwohl wir in seinem Angesicht beginnen zu verstehen, was Tod wirklich bedeutet, ist unser Blick nach innen geworfen, in die tiefsten Schichten unserer Existenz. Die Intimität entsteht, weil wir näher an unsere Gefühle herangeführt werden. Und das ist von besonderer Komplexität in einer Gesellschaft, die eine Introspektion, soweit es nur geht, verhindert und vermeidet. Diese Nach-innen-Gerichtetheit als Weg, einen Weg in die Intimität, ist eines der Hauptthemen von SWANS. Wie soll man etwas akzeptieren, das keine Antwort bereit hält? Wie geht man um mit dem Körper, dem Anderen, dem Tod? Welche Beziehung haben Körper miteinander, auch jene, die nicht im Koma sind: von Freundin, Vater, Sohn und Mutter?
Hugo Vieira da Silva

FILMOGRAFIE Hugo Vieira da Silva (Auswahl)

2011 Swans 

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