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Jangryesigeui member

Länge:
100 min.
Herstellungsjahr:
2008
Land:
Republik Korea
Regie:
Darsteller/Mitwirkende:
Lee Ju-Seung
Yoo Ha-Bok
Park Myung-Shin
Kim Byul
Kim Won-Sik
Produktionsfirma:
Korean Academy of Film Arts
Berlinale Sektion:
Forum
Berlinale Kategorie:
Spielfilm

In Baek Seung-Bin’s Spielfilmdebüt JANGRYESIGEUI MEMBER gelingt der Balanceakt, die Waage zwischen existentieller Dringlichkeit und subtilem Witz zu halten: Auf der Beerdigung eines Jugendlichen reflektieren ein Ehepaar und dessen Tochter ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod. Langsam kommt die Verbindung, die jeder der Protagonisten zu dem toten Jungen hatte ans Licht... Offenbar hatte dieser an einem Roman geschrieben, der den Titel "Members of the funural" trägt und in dem die Beerdigung eines Jugendlichen für ein Ehepaar und dessen Tochter zum Auslöser für schmerzhafte Enthüllungen wird...

Warum wollen Vater, Mutter und Tochter nicht zu der Beerdigung von Roh Hee-Joon? Alle drei kannten den jungen Mann, der sich umgebracht hat. Alle drei hatten eine spezielle Beziehung zu ihm, suchen sie jedoch vor dem jeweils anderen zu verbergen. Eine flotte Montage stellt uns die Familienmitglieder und ihre speziellen Eigenarten vor. Die Tochter hat eine Obsession mit dem Tod. Sie sammelt verweste Tiere und verbringt ihre freie Zeit mit dem Waschen von Leichnamen vor der Beerdigungszeromonie. Die Mutter wuchs bei den strengen Großeltern auf, die ihre Karriere als Krimi-Schriftstellerin verhinderten, jetzt ist sie eine frustrierte Literaturlehrerin. Ihr Ehemann unterdrückt sein wahres Begehren, noch immer kann er den Tod seines ersten Geliebten nicht überwinden. Roh Hee-Joon füllte für alle drei eine Leerstelle aus. Er war Freund, Vertrauter, Objekt der Begierde, Prügelknabe und Spiegelbild eigener Bedürfnisse. Auch der Selbstmörder kommt zu Wort. Seine merkwürdigen Erfahrungen mit der Familie schrieb Roh Hee-Joon in einem Roman nieder. Seine verschachtelte Struktur und absurden Momente machen JANGRYESIGEUI MEMBER zu einem hintergründigen Familienkrimi, der tief in das Innere dieser kleinsten Gemeinschaft blickt.

Familie, ein Mysterium

Offen gestanden ist von all meinen Geheimnissen das meiner Familie das verzwickteste. Obwohl sie die Menschen sind, mit denen ich die meiste Zeit verbracht habe und die ich am besten kenne, verstehe ich sie nicht. Also frage ich mich manchmal: Gibt es irgendetwas jenseits von Genen und
Chromosomen, das den Beweis dafür liefert, dass wir tatsächlich eine Familie sind? Sollte da nicht irgendeine emotionale oder psychologische Verbindung zwischen uns bestehen? Vor dem Hintergrund dieser Fragen begann meine Geschichte zunächst mit dem Satz: „Eine Familie kommt bei einem Begräbnis zusammen, und es ist das erste Mal, dass sie sich treffen.“ Dass die einzelnen Mitglieder dieser Familie sich im Verlauf des Films kaum jemals wirklich begegnen, war mir am allerwichtigsten. Sie sind so sehr mit ihren eigenen Sorgen und Problemen beschäftigt, dass sie einfach keine Zeit haben für anstrengende Alltagsgespräche. Also, wenn Sie den Film gesehen haben und sich anschließend darüber wundern, dass diese Leute eine Familie sein sollen, dann bin ich sehr zufrieden.
Baek Seung-Bin

„Wir sollten mit dem Tod viel offener umgehen“

 In der ersten und der letzten Szene des Films versammeln sich drei Mitglieder der dysfunktionalen Familie aus Ihrem Film zu Hee-Joons Beerdigung. Nur bei dieser Gelegenheit sehen wir sie als Familie vereint. Sie sitzt gerade beim Leichenschmaus, als der tote Hee-Joon erscheint. Können Sie diese Szene ein wenig erläutern?

Die Zusammenkunft seiner Familie war Hee-Joon ein wichtiges Anliegen. Während er den Roman schrieb, machte er sich Gedanken darüber, wie er seine drei Protagonisten am besten an einem Ort zusammenbringen kann, und ihm wurde klar, dass dies nur bei seinem eigenen Begräbnis möglich sein würde. Man sieht die einzelnen Familienmitglieder im Film fast nie zusammen, sie leben ihren Alltag völlig getrennt voneinander. Für mich war es von zentraler Bedeutung, dass die Figuren sich während der Beerdigung das erste Mal im Film sehen. Bei dieser Gelegenheit teilen sie etwas, das sie miteinander verbindet. Vielleicht ist es die Schuld gegenüber Hee-Joon, vielleicht aber auch Verlegenheit und Scham, weil sie die Geheimnisse der anderen herausgefunden haben. Was immer es ist: Die Tatsache, dass die drei starken Anteil an etwas nehmen, ist für He-Joon der eigentliche Grund, seinen Roman "Members of the Funeral" zu schreiben.

Jedes der drei Familienmitglieder – Vater, Mutter und Tochter – baut eine ganz eigene Beziehung zu Hee-Joon auf. Ganz offensichtlich durchleben der Vater und die Mutter durch die Verbindung zu ihm ihre eigene Vergangenheit. Es scheint, als wiederholte sich persönliche Geschichte auf tragische Weise, ja, als würde sie zur Geschichte einer ganzen Gesellschaft werden.

Ja, alle drei wiederholen auf ganz ähnliche Weise ihre persönliche Vergangenheit in der Verbindung zu dem Jungen. Ein Unterschied ist, dass der Kontakt der Tochter eher auf gleicher, vertrauter Ebene mit ihm stattfindet, während die Eltern sich auf einer höheren Ebene der Hierarchie befinden und sich in einer Machtposition sehen. Der Vater möchte immer nur seine gescheiterte Beziehung mit seinem eigenen Vater wiedergutmachen, und die Mutter möchte sich von ihrem Großvater befreien. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob man aus diesen sich wiederholenden persönlichen Geschichten tatsächlich Gesellschaftsgeschichte herauslesen kann; meines Erachtens sind weder die Erfahrungen der Protagonisten noch ihr Bewusstsein darüber detailliert genug gezeichnet, als dass man sie verallgemeinern könnte. Dennoch finde ich die Vorstellung großartig, dass man die Zukunft einer Gesellschaft verstehen und voraussehen kann, indem man sich mit individuellen Erfahrungen und Familiengeschichten beschäftigt.

Außer Hee-Joon wirken die Figuren, als gingen sie ziemlich unfreundlich miteinander um, als würde es ihnen an Mitgefühl fehlen.

Diese Beschreibung trifft höchstens auf die Mutter zu. Wenn man sie so miteinander erlebt, kann man diesen Eindruck bekommen. Andererseits ist dieses Verhalten auch eine Möglichkeit, Interesse aneinander zu bekunden. Das klingt natürlich ein bisschen konstruiert. Vielleicht können sie so besser die Verletzungen verstecken, die sie erlitten haben, und sich davor schützen, erneut verletzt zu werden. Trotzdem hoffe ich, dass Hee-Joon in ihren Herzen einige Spuren hinterlassen konnte.

Die verschiedenen Todesfälle, zu denen es in dem Film kommt, scheinen eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der einzelnen Figuren zu spielen.

Vor einigen Jahren habe ich den Tod in meiner eigenen Familie erlebt. Die zurückgebliebenen Familienmitglieder haben auf diesen Verlust mit Schweigen reagiert. Ab einem bestimmten Punkt aber war dieses Schweigen keine bloße Beileidsbekundung mehr, sondern wurde zur Lebenshaltung. Gleichzeitig entstand in mir das Gefühl, dass der Verstorbene tatsächlich zu uns gehört, die wir zurückgeblieben sind, und nicht jemand ist, der zu Asche wurde. Deshalb wollte ich die Todesfälle in meinem Film nicht als Tabu zeigen oder als etwas, das Unbehagen verursacht. Ich glaube, dass eine zu pathetische Haltung dem Tod gegenüber die Menschen daran hindert, sich mit ihm auseinanderzusetzen und zu verstehen, worum es dabei wirklich geht. Wir sollten mit dieser Thematik viel offener umgehen. Die beiden Todesfälle, mit denen jede der Figuren konfrontiert wird, sollen zeigen, dass der Tod zu einer einzigartigen Erfahrung für den wird, der zurückbleibt. Beispielsweise kann man sehen, dass der Tod der Eltern wesentlich unbedeutender für den Vater und die Mutter war als der Tod des Trainers und des Großvaters.

Der Vater scheint seit seiner Kindheit gefangen in seiner Verwirrung zwischen Sexualität und Vaterrolle. Er leidet darunter, dass er keine eigene sexuelle Identität hat.

Als Kind musste der Vater sich um seinen eigenen Vater kümmern, der sein halbes Leben lang krank war. Deshalb fühlte er sich zu seinem Schwimmtrainer hingezogen, der ein ideales männliches Vorbild schien. Seine Gefühle entwickelten sich zu einer Art romantischer Hingabe. Dann aber stellte sich heraus, dass der Trainer doch nicht der ideale Mann oder die Vaterfigur war, die er sich erhofft hatte. Ich habe mich gefragt: Was für eine Art Vater würde er später im Leben sein? Und ich stellte mir vor, dass er die Maske eines Vaters tragen, aber die ganze Zeit auf der Suche nach einer Sohnfigur sein würde, die sein Bedürfnis nach einer romantischen Partnerschaft erfüllen könnte.

Wie ist dieser Film entstanden? Als Teil des Lehrplans der Korean Academy of Film Arts? Ihr Mentor ist Park Ki-Yong, der Regisseur von NAKTA(DUL) - CAMEL(S), der 2002 im Forum lief. Welchen Einfluss hatte er auf Ihre Arbeit?

Die KAFA wurde als Filmhochschule bereits vor über 20 Jahren gegründet, aber ich gehöre dem ersten Jahrgang des „Advanced Program“ an, das Studenten und Absolventen weitere Ausbildungsmöglichkeiten für die Spielfilmproduktion bietet. Ich schrieb gerade an einem Drehbuch
über eine exzentrische Familie, als ich von dem Programm hörte, und bewarb mich daraufhin. Park Ki-Yong, der auch Präsident der KAFA ist, war ein sehr wichtiger Mentor des Films. Für die Studierenden ist er der „Big Daddy“, der sie unendlich unterstützt und ermutigt. Die Schauspielerin, die in meinem Film die Mutter spielt, ist auch die Hauptfigur in NAKTA(DUL). Das ist vielleicht ein Hinweis auf den großen Einfluss, den er auf meine Arbeit hat.
Interview: Kim Young-Ji, Januar 2009

FILMOGRAFIE Baek Seung-Bin (Auswahl)

2008 Jangryesigeui member 

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