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I'll Be Your Mirror

Länge:
50 min.
Herstellungsjahr:
1995
Land:
Großbritannien
Regie:
Darsteller/Mitwirkende:
Bruce Balboni
Sharon Niesp
Gotscho
Greer Lankton
David Armstrong
Produktionsfirma:
Blast! Films, Illuminations Television für BBC Worldwide
Berlinale Sektion:
Forum
Berlinale Kategorie:
Essay Film
Teddy Award:
Best Documentary/ Essay Film

„Ich dachte immer, daß ich niemals einen Menschen verlieren könnte, wenn ich ihn oder sie nur oft genug photographieren würde. Meine Photos beweisen mir jedoch, wie viel ich verloren habe." (Nan Goldin)

Inhalt
Nan Goldin ist eine Künstlerin und eine Überlebende. Ihre Photographien zeichnen ihr Leben nach, beginnend mit ihrer amerikanischen bürgerlichen Erziehung über die wilden und befreienden Erfahrungen im New Yorker Untergrund der siebziger Jahre bis zu den jüngsten verheerenden Auswirkungen der Aids-Krankheit auf ihre Umgebung. Der in Zusammenarbeit mit Nan Goldin entstandene Film ist ein intimes Porträt einer der führenden Kunstphotographinnen und gleichzeitig eine eindringliche Darstellung der Erfahrungen einer Generation.

Über den Film
Anhand von Interviews mit ihren engsten Freunden und den Menschen, die sie photographiert hat, einer Mischung aus Hi-8 Videoaufnahmen, Photographien und speziell gedrehten Filmszenen, erzählt Nan ihr ungewöhnliches Leben und berichtet von der Entstehung einer einmaligen photographischen Dokumentation ihrer Generation. David, der ihr den Namen Nan gab und sie in die Drag-Club-Szene des Bostons der siebziger Jahre einführte, Sharon, die ihre beste Freundin Cookie Mueller in den letzten Phasen der Aids-Krankheit pflegte, Bruce, der mit der HIV-Infektion lebt - Nans Freunde enthüllen ihre Erfahrungen mit noch nie da gewesener Menschlichkeit und Offenheit. Auf der Tonspur des Films sind Lieder der jeweiligen Zeit versammelt von The Velvet Underground, Patti Smith, Television und Eartha Kitt. Das Originalfilmmaterial wurde von Patrick Duval aufgenommen, dem Kameramann bei Terence Davies' DISTANT VOICES, STILL LIVES.

Nan Goldin über den Film 

Ich wollte schon seit langer Zeit einen Film machen, und als mich der unabhängige Produzent Adam Barker aufforderte, an einem Film über meine Arbeit, mein Leben und die Auswirkungen von Aids mitzuarbeiten, war ich begeistert. In I'LL BE YOUR MIRROR, einer Auftragsarbeit für die neue Kulturserie des BBC TV, TX, kommt meine Vision mit der des britischen Filmemachers Edmund Coulthard zusammen. Das Ergebnis ist eine Kreuzung aus einem dokumentarischen Porträt und einer Autobiographie. Der Film vereint Super-8-Material, das ich in meiner Jugend gedreht habe, H i-8-Videofilme, die mein Freund Ric Colan und ich 1994 und 1995 aufnahmen, eine Auswahl meiner Photos inklusive einiger Teile aus meinen verschiedenen Diashows und 16 mm-Aufnahmen, bei denen Edmund Coulthard Regie geführt und Patrick Duval die Kamera gemacht hat. Mein Voice-over-Kommentar entstand zusammen mit Edmund und enthält eine Reihe meiner veröffentlichten Texte. Die Musik im Film ist die Musik, die wir in jenen Tagen gehört haben, und enthält auch einige Songs, die ich in meiner Diashow 'Ballade von der sexuellen Hörigkeit' benutzt hatte. 

I'LL BE YOUR MIRROR zeichnet mein Leben nach, beginnend bei meiner Kindheit in einem Vorort. Ich ging früh von zu Hause weg, um mir meine eigene Familie von Freunden zu suchen. In dem sich der Film auf fünf meiner Freunde konzentriert, denen ich über fünfundzwanzig Jahrelang sehr nahe stand, wird das Porträt einer einzelnen Person zum Gruppenporträt. Durch die intimen Interviews wird die Kamera zum Spiegel, in den meine Freunde über sich selbst und die sich ändernden Zeiten, die wir gemeinsam verbracht haben, reden. Letztendlich ist der Film sowohl Selbstporträt als auch Familienphotoalbum, eines, indem die Stimmen derjenigen, die photographiert wurden, auch zu hören sind.

Da wir dem traditionellen Stil von Dokumentarfilmen und Photographien misstrauten, in denen der Blickwinkel des Künstlers immer von außen nach innen gerichtet ist, bemühten wir uns, ein Dokument zu schaffen mit dem Blick von innen nach außen. Dadurch, daß der Film unsere einzelnen Lebensgeschichten erzählt, ergibt sich ein äußerst persönlicher Eindruck, der aber auch viel über die Geschichte unserer Generation verrät. Die Erzählstruktur des Films gleicht einem mehr oder weniger chronologisch aufgebauten Tagebuch und beginnt 1972, als ich im Alter von achtzehn Jahren die ersten Photos machte. Zu dieser Zeit lebte ich in Boston zusammen mit einigen 'dragqueens', deren sexuelle Orientierung sie völlig marginalisierte. Dann kam die Zeit unseres Gemeinschaftslebens in Provincetown und in Boston Mitte der siebziger Jahre. Unsere Familie wuchs. Der Film begleitet uns weiter bei unserem Umzug - in den späten siebziger Jahren - nach New York City. Unser Leben in der Untergrund-Szene bestand aus Drogen, euphorischen Krisen, Liebhabern und Kämpfen, Musik und Parties. Mitte der achtziger Jahre brach Aids über uns herein. Das war die Stunde Null, die Party war zu Ende. Der Glamour der Selbstzerstörung nutzte sich schnell ab, als der wirkliche Tod so früh in unser Leben trat. Alle, die die Linie zwischen Drogenkonsum und Drogenmissbrauch überschritten hatten, machten Entziehungskuren. Überleben und Freundschaft wurden vorrangig.

Der Film behandelt Themen, die unser Leben betreffen: sexuelle Identität, Rollenverhalten, Drogenabhängigkeit und Aids. In I'LL BE YOUR MIRROR kommt David Armstrong vor, der Photograph, mit dem ich aufwuchs und mit dem ich wichtige Personen und Orte meines Lebens teilte, Sharon Niesp, eine Rhythm & Blues- Sängerin, die mit Cookie Mueller zusammen war und sie später während ihrer Krankheit pflegte, Bruce Balboni, einer meiner ältesten Freunde, ein Ex-Junkie, der mit Aids kämpft und Gotscho, ein Bodybuilder und Bildhauer aus Paris, der seinen Freund, Jules Dusein, verlor. Während all unserer Erfahrungen dienten meine Photos dazu, im Chaos einen Boden unter den Füßen zu finden, sie huldigten der Schönheit meiner Freunde und hielten die Erinnerung an die Menschen wach, die ich liebte. In der letzten Zeit wurden dieselben Photos zu einer Chronik des Verlustes und haben mir gezeigt, wie wenig eine Photographie eigentlich bewahren kann. Der Film ist eine Meditation über das Medium Photographie und das Wesen der Erinnerung, und ein Dokument der Arbeit einer Künstlerin. I'LL BE YOUR MIRROR fungiert außerdem als Referenz an das Durchhaltevermögen einer Gemeinschaft, die immer noch von Aids verwüstet wird, deren Zukunft sich jedoch trotzdem weiterentwickelt. 

Nan Goldin, New York, Januar 1996

Edmund Coulthard über den Film 

Vom ersten Mal an - als ich in einem New Yorker Buchladen ihr Buch' The Ballad of Sexual Dependency' durchblätterte - fühlte ich mich zu ihrer Arbeit hingezogen, das war lange, bevor ich eine von Nans Diashows gesehen hatte. Ich war fasziniert und bewegt, vor allem aufgrund der mutigen Ehrlichkeit und Verletzbarkeit der Aufnahmen von Nan selbst. Obwohl mein Leben als Engländer sich sehr von Nans Leben unterschied, entdeckte ich in den Photoset was, was auch von meinen Leidenschaften und Schmerzen zu sprechen schien. Ich bin immer noch der Meinung, daß das die außergewöhnlichste Photoserie ist, die ich jemals gesehen habe. Einige Jahre später entwickelte ich gemeinsam mit meinem Produzenten und Partner von Blast! Film, Adam Barker, einige Ideen über Dokumentarfilme. Uns beiden waren in der letzten Zeit zwei Dinge aufgefallen, zu meinen, daß die Grenzen zwischen Filmen über Kunst und sozial engagierten Dokumentarfilmen fließend geworden waren, und zum anderen fanden wir die Möglichkeit, mit Künstlern zusammenzuarbeiten - im Gegensatz zum Machen von Filmen, die die Künstler erklären sollten - sehr aufregend. John Wyver, der die neue BBC Kultur-Serie Tx ins Leben gerufen hatte, gab uns die Gelegenheit, unsere Gedanken umzusetzen.

Die Idee, einen Film mit Nan zu machen, begann ganz simpel mit dem Vorhaben, einige Personen, die Nan photographiert hatte und natürlich auch sie selbst, über sich reden zu lassen. Wir wußten jedoch, daß viele von Nans Freunden gestorben waren und daß Aids ihr Leben völlig verändert hatte - sowohl ihr persönliches als auch ihr künstlerisches Leben. Nach dem wir mit Nan gesprochen hatten und ihre ausdrucksvollen Arbeiten gesehen hatten, die den Tod einiger ihrer engsten Freunde aufzeichnen, war es klar, daß Aids eine sehr zentrale Rolle spielen würde, was auch immer wir für einen Film machen würden. Letzten Endes ist I'LL BE YOUR MIRROR sowohl ein Film über Nans Leben als auch über das schreckliche Vermächtnis von Aids. Je länger wir an dem Film arbeiteten, desto mehr wurde er zu einer Reflexion über die Beziehung zwischen Photographie, Erinnerung und Verlust.

Der Film bewegt sich innerhalb und außerhalb von Nans Welt. Besonders wichtig war mir, die emotionale Resonanz ihrer Arbeit in den Film zu übertragen. Bei meinem Versuch, dies zu erreichen, half mir das große schöpferische Talent des Kameramanns Patrick Duval und des Cutters Paul Binns auf unermeßliche Weise. Die Entstehung des Film war nicht leicht, schon deshalb nicht, weil meine Methode des Filmemachens sehr in der Tradition des britische n Dokumentarfilms verankert ist und Nan - als eine kreative Künstlerin - ihre ganz eigene, sehr idiosynkratische Arbeitsweise hat. Wir hatten jedoch das gleiche Ziel vor Augen. Ich hatte immer den Eindruck, daß ihre Photographien' aus einer Beziehung heraus, nicht durch Beobachtung' entstanden waren. Und daß diese Haltung der Dokumentarfilmkunst neue Impulse gegeben hat. Ich habe eine Menge gelernt und nie aufgehört, Nans Mut zu bewundern, immer wieder aus sich herauszugehen, und vor allem ihre scharfe Ehrlichkeit.

Edmund Coulthard, Januar 1996

Clip auf YouTube ansehen (englisch)

FILMOGRAFIE Edmund Coulthard (Auswahl)

1995 I'll Be Your Mirror 

FILMOGRAFIE Nan Goldin (Auswahl)

1995 I'll Be Your Mirror 

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