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Horst Buchholz ... Mein Papa

Länge:
90 min.
Herstellungsjahr:
2005
Land:
Deutschland
Regie:
Produktionsfirma:
Say Cheese Productions GmbH
Berlinale Sektion:
Panorama
Berlinale Kategorie:
Dokumentarfilm

Mein Vater war jemand, der nicht gerne von sich erzählt hat. Er hat auch nie seine Memoiren geschrieben – die meisten Stars haben in seinem Alter bereits mehrere veröffentlicht. Deshalb habe ich mich entschlossen, ihn zu interviewen, um ihn zum Sprechen zu bringen, ihn zu bewegen, seine Geschichte zu erzählen. Und so entstanden von 2001 bis zu seinem Tode im März 2004 mehrere Stunden Gespräche, in denen er sich wie noch nie geöffnet hat. Sie stehen im Zentrum dieses Dokumentarfilms. Mein Vater war ein Mann voller Widersprüche, der unglaublich vieles erlebt hat: Die Suche nach seinem echten Vater. Den Krieg und seine Grausamkeit, die er als Kind erlebt hat. Den Geist der 50er Jahre, die Hoffnung auf ein besseres Leben, den Wunsch, das Gewicht der Vergangenheit abzuwerfen. Seinen kometenhaften Aufstieg zur Riege der Stars dieser Zeit, seine Filmpreise, sein Leben in Hollywood. Seine Rolle als Familienvater. Die 60er Jahre, die alles auf den Kopf stellten. Das Erleben auf der Bühne. Die schwierigen Jahre. Seine Bisexualität. Den Tod seiner besten Freunde. Seine Depressionen, die ihn zum chronischen Alkoholiker machten. Sein Durst nach Geschwindigkeit und Abenteuer. Seinen Kummer und seine Freuden. Und der im Grunde seines Herzens immer ein Kind geblieben ist, das es liebt, zu lachen und zu weinen. Dieser Film ist eine tragikomische Reise in die Welt meines Vaters, die mich zu Menschen und Orten führt, die meinem Vater wichtig und wertvoll waren. Christopher Buchholz

Interview
mit Sandra Hacker und Christopher Buchholz

Wie ist die Idee entstanden, diesen Film zu machen?

Christopher Buchholz: Mein Vater war jemand, der nicht gerne über sich gesprochen hat. Seit Jahren bat ich ihn: „Schreib doch eine Autobiographie, wenn Du nicht drehst“. – „Jaja, mach ich!“, antwortete er. Aber er hat es nie getan. Dann hab ich wiederholt: „Du mußt erzählen. Es muß raus. Ich könnte Dir auch die Fragen stellen.“ Und so haben wir 2001 angefangen, unsere Gespräche zu filmen und dieses Rohmaterial ist dann die Basis für den Dokumentarfi lm geworden.

Sandra Hacker: Die Ebene der Trauer, die jetzt ein wichtiger Bestandteil
der Filmerzählung ist, war natürlich nicht geplant. Aber der Film war immer gedacht als ein persönliches Portrait eines Sohnes über seinen Vater. Wußte Ihr Vater von Ihren Plänen, damit einen Dokumentarfi lm über ihn zu realisieren?

CB: Mein Vaters wußte das und war damit einverstanden.

SH: Ich habe ihn ja noch kennengelernt: Er hat sich darüber gefreut. Er hatte auch Spaß daran.

CB: Ich hab auch bemerkt, dass er diese Art der Aufmerksamkeit wirklich mochte. Es schmeichelte ihm, und es tat ihm gut. Das spürt man auch im Film. Egal wie er sich verweigert, er war froh darüber: Die Scheinwerfer sind auf ihn gerichtet und die Kamera läuft! Er spricht auch mehrmals mit dem Publikum. Und ich glaube, er wird mit dem Film einverstanden sein, wo auch immer er ist, da oben. Wie sind Sie auf die Idee gekommen zusammen zu arbeiten?

SH: Zufällig. Christopher erzählte mir vor dreieinhalb Jahren, dass er an einem Film über seinen Vater arbeitet, dass er angefangen hat, seinen Vater zu interviewen. Ich fand das sehr spannend und mutig, einen Film über den eigenen Vater zu machen. Aber auch gefährlich. Weil man einfach keinen Abstand hat. Dann habe ich Christopher gefragt, ob ich ihm dabei helfen kann.

CB: Am Anfang dachte ich, ich muß wirklich aufpassen. Ich wollte, dass der Film so wird, wie ich das mir vorgestellt habe und dass man mir so wenig wie möglich rein redet. Ich hatte als Regisseur zwar schon Kurzfilme gemacht, aber noch nie einen Dokumentarfilm. Und außerdem wußte ich, dass ich so einen persönlichen Film nicht alleine machen kann. Insofern brauchte ich jemanden, der mir hilft. Ich habe Filme von Sandra gesehen und mochte ihre Arbeit sehr. Ich fühlte mich dann sicher, als ich spürte, was Sandra für ein Haltung dem Stoff gegenüber hatte.

Ihr Vater ist Schauspieler, Sie sind Schauspieler. War der Wunsch diesen Film zu machen gekoppelt mit dem Wunsch als Schauspieler ein gewisses Rezept zu bekommen: „Wie werde ich ein internationaler Star“?

CB: Nein, absolut nicht. Wir, also die Familie, so merkwürdig das klingt, sind im Grunde eine ganz normale Familie, wie die eines Schusters. Wenn Horst gedreht hat, habe ich seine Filme nicht unbedingt angekuckt. Das Interesse war schon da, aber vielleicht doch zu wenig. Wir sind nicht mit einem Vater-Star-Kult aufgewachsen. Ich habe spät erfahren, dass mein Vater Schauspieler war und es war dann auch nicht wichtig.

Gab es spontane Unterstützung, um den Film zu produzieren?

SH: Das würde man bei dem Namen „Horst Buchholz“ erwarten, nicht wahr? Aber es war nicht so. Ich glaube, dass das viel mit Vorurteilen zu tun hatte. Die Vorurteile fangen an bei: „Aha, der Sohn macht einen Film über seinen berühmten Vater“, über: „Möchte er schmutzige Wäsche waschen?“ bis: „Will er Profit aus dem Tod seines Vaters schlagen?“ Und noch dazu die Frage über die allgemein so gefürchtete Subjektivität. Alles Vorurteile, die man abbauen könnte, wenn man offen gefragt werden würde.

CB: Es war sehr schwierig. Dabei habe ich herausgefunden, dass ich hartnäckig bin und gerne kämpfe, (er lacht) aber es gab auch Unterstützung. Der SWR hatte gleich zugesagt. Das Medienboard hat uns gefördert. Das Wunderbare beim Medienboard ist, wir konnten dorthin kommen und unser Projekt vorstellen. So kann man das Herz von jemandem ewinnen und jemanden vom einem Projekt überzeugen. Andere Fördergremien lesen nur ein Treatment und für so ein diffiziles Projekt macht es das viel schwieriger. Und sonst gibt es einfach Leute, die mitgemacht haben, ohne die der Film nie entstanden wäre.

Wie ist es, wenn zwei Regisseure zusammenarbeiten? Gab es Mißverständnisse zwischen Ihnen beiden?

SH: Ich kann mich zumindest nicht an sehr viele erinnern. Aber natürlich gibt es immer wieder Kämpfe. Und Christopher hat natürlich auch einen ganz andere Basis. Dann ist es manchmal schwierig zu entscheiden, was ist für den Film wichtig und richtig und was könnte vielleicht nur aus einer privaten Motivation kommen. Und darüber mußte man immer wieder diskutieren.

Wie war die Arbeit im Schnitt?

CB: Ich mochte den Dokumentarfi lm „DER MADENDOKTOR“ sehr, den Sandra mit Jean-Marc Lesguillons montiert hatte. Und habe Jean-Marc durch Sandra kennengelernt. Das war vor zwei Jahren, während der Berlinale 2003, noch vor Horsts Tod. Und Jean-Marc war die erste Person, die mir die richtigen Fragen gestellt hat. Ich wußte, was er für ein guter Cutter ist, aber ich wußte dann, ich kann ihm vertrauen. Während des Schnitts habe ich mich zurückgehalten. Sandra und Jean-Marc haben zusammen den Film montiert. Das ist wo es wichtig war, dass ich den Film nicht alleine mache. Sondern das jemand, dem ich vertraue, die Essenz des Materials heraus filtert.

Warum?

CB: Weil man keinen Abstand hat. Und weil man dann denkt, alles ist wichtig. Aber man muß dann eine Auswahl treffen. Und alles mit einem unabhängigen, frischen Blick sehen, um die Geschichte eines Films zu konstruieren. Und das konnten die beiden sicher besser als ich.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Spielfilmausschnitte ausgewählt, die im Film sind?

CB: Das war wirklich interessant: Ich kannte kaum Filme, in denen meine Mutter mitspielte. Als Kind war mir das irgendwie peinlich, weil es meistens Melodramen sind und mir das alles viel zu kitschig war. Und jetzt, für unseren Film, habe ich ihre Filme wieder gesehen und finde, dass sie wirklich eine gute Schauspielerin war. Wie in „Auferstehung“ zum Beispiel. Und außerdem war es sehr berührend zu sehen, wie die eigenen Eltern aussahen, als sie sich kennengelernt und verliebt haben. - Und auch von meinem Vater gab es Filme, die ich noch nie gesehen hatte und die ich durch unsere Arbeit erst entdeckt habe. Wie z.B. „NASSER ASPHALT“, da gibt es eine tolle Szene, ein sehr starker Moment, den wir auch verwendet haben.

SH: Wir haben ungefähr achtzig Filme und TV-Produktionen gesichtet, von den etwa 90, in denen Horst mitgespielt hat. Dabei haben wir erst mal spontan gewählt, was könnte interessant sein: Welche Szene sagt etwas über ihn aus? Welche Facette ist interessant? Schließlich dienen die gewählten Filmausschnitte einer doppelten Strategie: Zum einen, natürlich um Horsts Karriere zu dokumentieren: Sein erster und letzter großer Kinofi lm sind in unserem Film auch vertreten. Und zum anderen sind sie ein Augenzwinkern in der Erzählung unseres Dokumentarfilms.

Gab es Momente, in denen Sie den Film nicht weiter machen wollten?

SH: Christopher hat mir einmal gesagt, dass er sehr froh sein wird, wenn der Film fertig ist. Das es sehr schwierig für ihn ist, an seiner Trauer so festzuhalten. Es war eine absurde Situation: Immer wieder den Vater zu sehen und zu hören, im Schneideraum. Er würde ihn einfach gerne gehen lassen. Und das kann er jetzt hoffentlich bald.

Haben Sie eine Ahnung wie der Film angenommen wird?

CB: Ich hoffe, dass jeder ein Stück von sich in dem Film entdecken kann. Da ich im Grunde einen Film über Familien machen wollte.

SH: Ich glaube, Myriam, Christophers Mutter, kennenzulernen, ist einfach ein Geschenk für jeden, der den Film sieht. Wenn man Myriam nur zusieht und zuhört, entdeckt man was sie für eine tolle Frau ist. Mit so viel Humor. Wie sie mit einem Lächeln über schwierige Lebensmomente sprechen kann. Davon kann man einfach nur lernen!

CB: Insofern, würde ich sagen, der Film ist mehr eine Hommage an meine Mutter als an meinen Vater, glaube ich. (Quelle: SAY CHEESE Productions)

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FILMOGRAFIE Christopher Buchholz (Auswahl)

2005 Horst Buchholz ... Mein Papa 

FILMOGRAFIE Sandra Hacker (Auswahl)

2005 Horst Buchholz ... Mein Papa 

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