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Brand X

Länge:
87 min.
Herstellungsjahr:
1970
Land:
USA
Regie:
Darsteller/Mitwirkende:
Taylor Mead
Sally Kirkland
Ultra Violet
Frank Cavestani
Tally Brown
Abbie Hoffman
Candy Darling
Carlos Anduze
Joy Bang
Serge Bouterline
Madalyn Lloyd
Jim Maya
Sam Shepard
Sam Ridge
Jim Huff
John Long
Susannah Baumgart
Produktionsfirma:
Trax Productions
Berlinale Sektion:
Forum
Berlinale Kategorie:
Spielfilm

Jonas Mekas pries BRAND X 1970 als „Propaganda für eine Politik der Freude und der Unordnung“. Inzwischen ist der Film von Maler und Schriftsteller Wynn Chamberlain aus den späten 60er Jahren wieder zu erleben – und mit ihm sein erfrischender Humor gegenkultureller Prägung und sein politsatirisches Feuer. Nach erfolgreichen Aufführungen in ganz Amerika während der frühen 70er Jahre war die einzige Kopie des Films lange verschollen und tauchte erst fast 40 Jahre später unter mysteriösen Umständen in den Räumlichkeiten der Produktionsfirma wieder auf. In dem anarchisch-episodischen Werk über die Nichtigkeit und grenzenlose Kommerzialisierung des Fernsehprogramms jener Tage ist Underground-Superstar Taylor Mead auf dem Höhepunkt seiner geistreichen Überspanntheit in verschiedensten Rollen zu sehen – als Fitnesstrainer, Prediger und als Präsident der USA. An Meads Seite glänzt ein Ensemble aus großartigen Warhol-Stars (darunter Ultra Violet, Candy Darling und Tally Brown) sowie weitere bekannte Persönlichkeiten und Akteure des damaligen anti-establishment movement wie Sally Kirkland, Sam Shepard und Abbie Hoffman. (Marc Siegel)

Eine realistische amerikanische Komödie

BRAND X, zwischen 1968 und dem Frühjahr 1970 geplant und gedreht, nimmt das relativ anspruchslose Fernsehprogramm der damaligen Zeit zur Grundlage, um die politische Situation und Tabus jener Ära zu entlarven und lächerlich zu machen. Brand X ist subversiv: Der Film unterminiert und dekonstruiert das Fernsehprogramm in einer Weise, dass man ernsthaft an dessen Seriosität zu zweifeln beginnt.
Wenn man BRAND X heute, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, sieht, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass sechs Monate vor Beginn der Produktion dieses Films Martin Luther King und Robert F. Kennedy ermordet worden waren, und dass Richard Nixon gerade das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten übernommen hatte. Zwei Wochen vor der New Yorker Premiere des Films feuerte die Nationalgarde in Ohio in 13 Sekunden 67 Salven in eine Gruppe unbewaffneter Studenten, die gegen den Einmarsch amerikanischer Truppen in Kambodscha protestierten. Vier Studenten wurden getötet, neun blieben für den Rest ihres Lebens gelähmt, unzählige wurden verletzt. Diese Umstände führen zu einer interessanten Frage. Eine Aufführung des Films im New Yorker New Museum am 9. April 2011 war von Zuschauern besucht, die noch nicht einmal geboren waren, als BRAND X 1970 seine Premiere hatte. Worüber lachten sie dann aber eigentlich? Die Themen und Personen, die in dem Film verspottet werden – einschließlich Präsident Nixon und seiner Frau –, sind schon lange in Vergessenheit geraten. Oder doch nicht? Wirken die Fragen, mit denen der Film sich auseinandersetzt, altmodisch? Oder sehen wir hier etwas, was jenseits von Aktualität eine Gültigkeit hat, etwas zwangsläufig Lächerliches über das Leben, über menschliche Wünsche und Bedürfnisse, das den Lauf der Zeit überdauert hat?

Finsteres 1968

Die Jahre 1968/69 waren aus historischer Sicht ein katastrophaler Zeitabschnitt – so fürchterlich, dass die im Exil lebende Künstlerin und Autorin Lil Picard, die die deutsche Katastrophe der 1930er Jahre überlebt hatte, diese Epoche in einem Beitrag in der Zeitschrift inter/View mit den letzten Tagen der Weimarer Republik verglich, bevor Hitler und seine Verbrecherbande die Macht übernahmen. Sie erinnert in diesem Text an ein Gedicht des Dramatikers Bertolt Brecht, dessen erste Zeile lautet: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.“ In einer Rezension über BRAND X, die Picard 1970 schrieb, heißt es: „Es ist möglich, das dieser Film einmal als eine Art Brecht’scher Komödie über unsere Zeit betrachtet werden wird, als eine prophetische Metapher für alles, was wir bald in Amerika erleben werden.“

Genau so ist es gekommen. Genau wie Toleranz und Freiheit der Weimarer Republik den Aufstieg der Nazis ermöglichte, entstanden aus der Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit in den USA zunächst Woodstock, die politischen Possen der „Chicago Seven“, die „Black Panthers“ und zahllose andere revolutionäre Gruppen – die dann allesamt von einer reaktionären Bewegung überrollt wurden, die mit Nixon begann, von Gerald Ford in gemäßigter Form weitergeführt und von Ronald Reagan zelebriert wurde, und die schließlich unter George und George W. Bush in beispiellose Angriffe auf die Verfassung der Vereinigten Staaten und ihre Institutionen ausartete, von denen das Land sich vielleicht niemals erholen wird. Trotzdem lachen die Leute über BRAND X. Warum lachen wir mit Charlie Chaplin über das prophetisch vorweggenommene Elend der Massenproduktion und den Stumpfsinn der Fließbandarbeit in seinem großartig subversiven Film Modern Times? Warum lachen wir über die erschöpften Gesten eines Taylor Mead, über seinen herrlichen, scharfen Witz? Warum lachen wir, wenn Leute umfallen, wie die Marx Brothers oder Ultra Violet? Weder Chaplin noch Mead machen Witze, aber jeder findet sie witzig. Warum?

Spaß, spaßig, Witz, Scherz, Spaßvogel – alle diese Begriffe enthalten zugleich auch ihr Spiegelbild, das Gegenteil: den Kampf allen Widrigkeiten zum Trotz, den Kampf gegen das Schicksal. Wenn Leute ihr Leben damit verbringen, alles außer ihren persönlichen Wünschen zu ignorieren, sich nur auf ihre „Karriere“ konzentrieren und darauf, mehr Reichtum anzuhäufen, als sie jemals benötigen werden – und wenn sie dann alles in ein paar Wochen verlieren: Ist das lächerlich oder tragisch?
Wie massiv muss so ein Fall sein – Verlust der Macht, Gesichtsverlust, Verlust eines Krieges wegen der Selbstüberschätzung der Herrschenden –, und wie lange dauert es, bis er eines Tages nicht mehr zum Lachen ist? Man kann über die leeren Worte der Mächtigen lachen, die sich als die Führer der Welt bezeichnen. Ihre Verspottung in BRAND X lässt einen aufatmen vor Erleichterung darüber, dass endlich jemand so etwas gewagt hat. Über den Voodoo-Zauber von mächtigen Ungeheuern zu lachen kann allerdings gefährlich sein: Aufführungen von BRAND X wurden verhindert und boykottiert, weil dieser Film zu den ersten gehörte, die so einen Ansatz verfolgten.

Hommage an Voltaire und Jarry

Vor diesem Hintergrund könnte man das Lachen, das dieser Film auslöst, mit den Knoblauchgirlanden vergleichen, die die Menschen im Mittelalter an ihre Haustüren hängten, um Tyrannen, Hexen und Zauberer samt ihren Verbündeten Schicksal und Elend fernzuhalten. Von dem amerikanischen Schriftsteller Mark Twain stammt der Satz: „Die menschliche Rasse hat nur eine wirksame Waffe: das Lachen.“
Subtiler Denkende können in BRAND X eine stille Hommage an Voltaire entdecken: „Gott ist ein Komödiant, der vor einem Publikum spielt, das zum Lachen zu ängstlich ist.“ Und Abbie Hoffman grüßt mit seiner Performance den ersten Dadaisten Alfred Jarry, dessen Schauspiel König Ubu Anfang 1896 im Café Voltaire in Zürich aufgeführt wurde, wo der Dadaismus entstanden ist.
In BRAND X gibt es viele Anspielungen auf das „Absurde Theater“ und auf Ronald Tavel, auf die Ideen und Arbeiten von Tristan Tzara, Raoul Hausmann, Rose Selavy und Marcel Duchamp; Letzterer war ein großer Fan von Taylor Mead und sah sich viele Vorführungen von BRAND X an, als der Film im Elgin Theater in New York lief. Die „Cut-up“-Methode, die auf Gertrude Stein zurückgeht und von Brion Gysin weiterentwickelt wurde, prägt die visuelle Gestaltung des Films. Verschiedene Jazz- und Kino-Zitate darin schlagen die Brücke zu Filmemachern wie Fellini, Ron Rice, Godard und Jack Smith, deren Filme oft in Jonas Mekas’ Kinemathek aufgeführt wurden. All diese Gestaltungselemente, derer sich die Schauspieler sehr bewusst waren, wirkten unsichtbar zusammen und machten BRAND X zu dem, was der Film heute ist: eine amerikanische realistische Komödie. Bei einer Vorführung des Films rief am Ende von Taylor Meads Interpretation der abendlichen Fernsehpredigt ein Zuschauer triumphierend aus: „BRAND X ist zeitlos.“ - Wynn Chamberlain (Quelle: Berlinale Katalog)

Homepage zum Film (englisch)

FILMOGRAFIE Wynn Chamberlain (Auswahl)

1970 Brand X 

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