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Winner

Ballot Measure 9

Länge:
72 min.
Herstellungsjahr:
1994
Land:
USA
Regie:
Produktionsfirma:
Toots Crackin Productions
Berlinale Sektion:
Panorama
Berlinale Kategorie:
Dokumentarfilm
Teddy Award:
TEDDY Readers Award

Der Film BALLOT MEASURE 9 berichtet von den Ereignissen im USA Bundesstaat Oregon, als die sogenannten „Familienrechtsgruppen“ (die Oregon Citizens Alliance = OCA), eine „Bürgerinitiative“ auf die Wahlzettel brachte, die eine Änderung der Verfassungsklausel zum Schutz der Lesben und Schwulen vor Diskriminierung anstrebte, womit eine aktive Diskriminierung eingeführt worden wäre. Die Kampagne hatte kostenlos Zeitungen mit Lügen und Blödsinn gefüllt, wie „Homosexuelle essen regelmäßig Fäkalien“ und Kindern können Homosexualität eingeredet werden - und hatte damit eine Atmosphäre von Furcht und Angst erzeugt, die von politisch begründetem Vandalismus und mit ansteigender Gewalt gegen Lesben und Schwule bis hin zum Mord begleitet war. Um ihr Leben zu schützen, mussten lesbische und schwule Persönlichkeiten kugelsichere Westen tragen. Viele schliefen mit Schusswaffen unter dem Kopfkissen. Im Jahre 1992 gab es mehr gemeldete Fälle von anti-schwuler Gewalt in Portland, Oregon, als in Chicago oder New York City.
Die Maßnahmen in Oregon wurden abgelehnt, aber 44 Prozent der abgegebenen Stimmen waren dafür und die OCA bereitet für 1996 wieder eine neue antihomosexuelle Gesetzeskampagne vor.
Das ist der Hintergrund zur Ausbreitung der religiösen Rechten und des Rechtsextremismus unter den Politikern und in der Politik, die im November 1994 erstmals seit 40 Jahren dann dazu führte, daß der US-Congress, durch die Republikanische Partei kontrolliert wurde. Ein Congress, in dem Jesse Helms, der berüchtigte antischwule Senator. Chef der Auslands­angelegenheiten des Congresses ist. Der Film zeigt die Kehrseite der gay und lesbian Euphorie von San Francisco, New York und Stonewall. Er gibt auch Hintergrundinformation zum zu Streit der ILGA mit der UNO, da während der gesamten Kampagne versucht wurde, Homosexualität mit Pädophilie gleichzusetzen.

engl. Trailer ansehen

www.tootscrackin.com

Colin de la Motte-Sherman sprach mit Heather Lyn MacDonald, die nach einer 15-jährigen Karriere als Schauspielerin begann, als „gesellschaftlich bewußte Lesbe“ und Umweltaktivistin Filme über Umweltprobleme zu drehen, u.a. 1990 einen Film über Lesben und Schwule in der Ukraine – KIEV BLUE. Heather MacDonald beschreibt sich als eine „sehr offene Lesbe“, aber nicht als lesbische Filmermacherin. Sie beschäftigt sich oft mit Menschenrechtsproblemen und verbrachte 1992 acht Monate in Oregon um den Film BALLOT MEASURE 9 zu drehen. Der Film wurde mit dem Zuschauerpreis beim Sundance Film Festival (USA 1995) ausgezeichnet.

Über einen Horrorfilm aus der US-Realität, Live
(Interview 1995 von Colin de la Motte-Sherman mit Heather Lyn MacDonald)

C.M-S.: Wie kamen Sie dazu, diesen Film zu drehen?

H. McD.: Wir wollten einen Film über Gewalt gegen Lesben und Schwule in den USA machen, da diese Gewalt zunimmt. Als wir die Berichte anschauten, sahen wir, daß in Oregon aufgrund der kommenden Wahlabstimmung, sehr viel Gewalt herrschte. Deshalb fuhr ich dorthin und begann mit dem Filmen. Ich dachte, es würde ein Teil eines längeren Dokum­entar­­filmes, aber dort wurde mir bewußt, daß ich einen Film nur über diese Geschehnisse in Oregon machen würde

C.M-S.: Ist es in Wirklichkeit so erschreckend wie man es in Film sieht?

H. McD.: Ich glaube, der Film zeigt Vieles von der Realität, aber die Wirklichkeit ist noch viel erschreckender als der Film. Ich bemerkte, als ich mit Schwulen und Lesben gesprochen habe, daß sie, wenn man sie vielleicht bloß anfasste, anfingen zu weinen. Sie sind jetzt emotionale Wracks - die meisten jedenfalls. Es gibt lesbische und schwule Aktivisten, die weiter gemacht haben, aber sehr viele der Leute sind einfach „zerstört“. Viele mussten zum Psychiater nach der Wahl, so kaputt waren sie. Sie haben Nervenzusammenbrüche bekommen. Sogar heute, zwei Jahre danach, sind die Leute seelisch so verletzt, daß sie zusammenbrechen, sobald die Ballot oder was damals passiert ist, erwähnt wird.

C.M-S.: Warum also in Oregon die anti-homosexuelle Kampagne in dieser Schärfe?

H.McD.: Es ist merkwürdig. Die Rechtsradikalen gewinnen an Macht im ganzen Land. Warum also in Oregon? Vielleicht, weil es in diesem Staat viele fundamentalistische Christen­gruppen gibt. Natürlich wird die Gewalt nicht von den Christen ausgeführt, sondern von Skinheads und Neonazis.
Außerdem ist der nordwestliche Teil der Vereinigten Staaten das Zentrum einer Neonazi­bewegung. In den Staaten spricht man von der „.Fünfprozentlösung“, weil dort nur fünf Prozent der Bevölkerung keine Weißen sind, deshalb soll dort das neue „.arische“ Heimatland sein. Viele weiße .“Survivalisten“ [die glauben, daß die weiße Rasse bedroht ist und man ums Überleben kämpfen muß – C.M-S] sind dort hingezogen. Es gibt viele Skinheads dort, und die üben die Gewalt aus, weil die „Wahlinitiative für “Ballot Measure 9” eine Atmosphäre schuf in der Lesben und Schwule als „Un-Menschen“ oder als „entmenschlicht“ angesehen sind. Ihnen wurde das Menschsein abgesprochen, indem man sagte, sie seien pervers, abnormal und unnatürlich. Das gab den Skinheads und Neonazis die „Lizenz“, die Berichtigung, gegen Menschen in diesem Ausmaß von Entmenschlichung loszuschlagen.

C.M-S.: Was kann man dagegen machen?

H. McD.: Der Rechtradikalismus richtet sich nicht nur gegen Schwule und Lesben. Er hat viel mehr auf seiner Tagesordnung. Sie haben nur mit den Homosexuellen angefangen, da wir eine leichte Zielscheibe sind. Viele Leute haben Angst vor uns, weil sie nicht wissen, wer wir sind - sie kennen keine. Die meisten Leute im Film haben eine Grundsatzbotschaft: Sie müssen herauskommen. Sie müssen ihr Coming out machen. Sie können nicht in ihrem „Schrank“ (versteckt) bleiben, sonst werden die Leute immer weiter glauben, daß sie niemanden kennen, der schwul oder lesbisch ist, weil sie nicht wissen, daß ihre Nachbarn, mit denen sie seit Jahren jeden Sonnabend Karten gespielt haben, homosexuell sind. Das ist wichtig.
Eine andere wichtige Seite ist, bewußt zu machen, daß Lesben und Schwule nur als Vorwand für das Radikalrecht [?] benutzt wurden, um in Schulkomitees und auf Kommunalebene Funktionen übernehmen zu können. Das Radikalrecht kontrolliert jetzt die Republikanische Partei in 13 der Bundesstaaten, also bereits 25 Prozent, und es wird erwartet, daß noch mehr nach rechts umfallen. Deren Zielscheibe sind aber nicht nur die Homosexuellen, sondern die wollen eine grundlegende Umwandlung der „moralischen“ Auffassung der Gesellschaft. Im Grunde wollen sie aus den USA einen theokratischen religiösen Staat machen. Gebete in den Schulen, die Lehre von der Erschaffung der Erde durch Gott lehren, keine Unterschiedlichkeit (Diversifizierung), nur die amerikanische, weiße, männliche Kultur wird dann unterrichtet. Die haben eine lange Tagesordnung. Zur Zeit wollen sie gerade staatliche Zuschüsse für die Künste abschaffen. ... Es wird kein Geld mehr für das öffentlich-rechtliche Fernsehen geben, staatlich unterstützte Schulen werden abgeschafft – nur private Schulen soll es geben, die nicht unter öffentlicher Kontrolle stehen.

C. M-S.: Ist es übertrieben, von „schleichendem Faschismus“ zu sprechen?

H. McD.: Im Film sagt jemand, daß das eine faschistische Bewegung ist. Wenn man EINE Kultur, EIN Volk und KEINE Toleranz von Unterschieden als Faschismus betrachtet - denn das sind ihre Ziele -, dann ist das nicht übertrieben.

C. M-S.: EIN Volk, das Herrenvolk!

H. McD.: Richtig. Viele Leute haben gesagt, dass die Initiative 9 nur die Spitze des Eisberges ist. Ein High School Student sagte auch: „Wer werden die nächsten sein? Die Menschen, die zu fett sind, die Mormonen, die Katholiken? Leute die zu lang sind? - Und gewöhnlich klatschen an diese Stelle der Vorstellung die Zuschauer.

C. M-S.: Es ist schwer zu verstehen, aber etwa seit Anfang der 80er Jahre wuchs mit dem Fundamentalismus in der arabischen Welt auch der christliche Fundamentalismus und so weiter. Es ist wie bei den Lemmingen.

H. McD.: Ja. und in den Ländern der ehemaligen SU, wo der Nationalismus durch Unter­drückung unter Kontrolle gehalten war, sobald es einen bestimmten Grad von Freiheiten gibt, gibt es diesen Rückschlag. Der Antisemitismus in der ehemaligen Sowjetunion ist schlimm.

C. M-S.: Aber Unterdrückung kann keine Erklärung für die Lage in die USA sein ...

H. McD.: Es ist vielleicht eine Wiederholung der 50er Jahre. Ich halte es für ein ökonomisches Problem. Die Leute haben Angst, ihre Arbeitsstelle zu verlieren. Immer, wenn das der Fall ist, erfolgt eine Zurückschlagen (backlash) gegen Einwanderer, gegen Farbige, gegen Frauen, gegen alle, die „deine Arbeit wegnehmen“. Es wurde in der letzten Zeit viel über Backlash der weißen Männer geschrieben. Die Gruppe der weißen Männer war in den USA von Anfang an im Besitz der Macht. Sie konnte als einzige wählen, sie besaß das Land und auch ihre Frauen - die waren wie bewegliches Vermögen und die Sklaven.
Das hat sich alles durch die Menschenrechtsbewegung der Schwarzen in den 60er Jahren geändert, durch die Frauenbewegung, und die Gay-Menschenrechtsbewegung. Die, die noch im Besitz der Macht sind, haben Angst um ihre Macht, obwohl die Gesellschaft im Grunde genommen immer noch durch weiße Männer geführt wird. Man muß sich bloß den Kongress ansehen: 95 Prozent des Senats sind Männer. Es ist die Angst vor dem Machtverlust - obwohl das eine unrealistische Angst ist.
Die Frauen werden den Männern nicht die Macht wegnehmen, die Schwulen werden nicht die Rechte der Heterosexuellen abschaffen, die Schwarzen nicht die Weißen. Es ist eine ökonomisch begründete Angst. „Diese Menschen werden mir meine Arbeit wegnehmen!“ „Die Frauen sollten nicht arbeiten gehen!“ „Schmeiß die Einwanderer raus!“ Es ist die Angst vor der Unterschiedlichkeit, vor dem Unbekannten, vermischt mit dem ökonomischen Klima. Hätten alle in den USA eine Arbeitsstelle, dann, glaube ich, hätten wir solche Probleme nicht. Wir haben viel Armut in den Staaten.

C. M-S.: Licht am Ende des Tunnels?

H. McD.: Viele meiner Freunde schauen optimistischer in die Zukunft als ich, aber ich sehe uns schon mit einer noch konservativeren Regierung und, daß uns ein noch größerer Kampf bevorsteht. Ich denke es gibt keinen ausreichenden Zusammenschluss zwischen den verschiedenen Bewegungen. Wenn die Bewegungen der US-Mexikaner, der Schwarzen, der Frauen und die für schwullesbische Menschenrechte ihre Kräfte in einer Menschenrechts­bewegung vereinigen würden, statt vereinzelt zu kämpfen, dann wäre das eine machtvolle Koalition und das könnte die Räder des Faschismus aufhalten.
Ich glaube aber; die Menschen erkennen das nur sehr langsam.

© 2001 Colin de la Motte-Sherman

FILMOGRAFIE Heather Lyn MacDonald (Auswahl)

1994 Ballot Measure 9 

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